Meldung vom 24. März 2020

Pandemie, Schwarzer Tod und andere Plagen

Teil 4 der Corona-Serie: Eine kleine Begriffsgeschichte

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Auch in der Virus-Krise erreichen uns gute Nachrichten: Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es keine Hinweise darauf, dass Katzen, Hunde oder Hamster an Covid-19 erkranken können! Ein Glück, denn sonst wäre zur Covid-19-Pandemie im Handumdrehen eine Panzootie hinzugekommen. Was es mit diesen und anderen virulenten Ausdrücken auf sich hat, erklären wir in der vierten Folge unserer sprachlichen Betrachtungen zum Corona-Virus.

Die derzeit häufig verwendeten Ausdrücke Epidemie und Pandemie sind beide griechischen Ursprungs, sie gehen zurück auf die Adjektive epidḗmos und pandḗmos. Die Wörter haben eine gemeinsame Wurzel – das griechische dḗmos (dt. ›Volk‹) – mit der sich jeweils ein weiterer Wortbestandteil verbindet. Das Präfix epí bedeutet als Präposition so viel wie ›auf‹, ›über‹ oder ›(da)bei‹, pān lässt sich übersetzen als ›all-‹, ›jeder‹ oder ›ganz‹. Die Präfixe begegnen uns heute auch in Wörtern wie Epizentrum oder panamerikanisch. Das Epizentrum bezeichnet den Ort auf der Erdoberfläche, der direkt über dem Ausgangspunkt eines Erdbebens liegt; das Adjektiv panamerikanisch wird häufig verwendet, wenn die Gesamtheit aller Staaten des nord- und des südamerikanischen Kontinents gemeint ist.

Beide Ausdrücke – epidḗmos und pandḗmos – lassen sich im Sinne von ›das ganze Volk betreffend‹ oder ›im ganzen Volk verbreitet‹ übersetzen und wurden schon früh im Zusammenhang mit ansteckenden Krankheiten verwendet. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnen die Begriffe Epidemie und Pandemie jedoch unterschiedliche Phänomene: Man spricht von einer Epidemie, wenn sich eine Krankheit schnell ausbreitet, dabei aber räumlich begrenzt bleibt. Das Wort Pandemie hingegen bezeichnet die Verbreitung einer Krankheit über die Grenzen von Ländern und Kontinenten hinweg. Sowohl Epidemien als auch Pandemien sind dabei zeitlich begrenzt; irgendwann nehmen die Krankheitsfälle also wieder ab. Darin unterscheiden sich beide Phänomene von der sogenannten Endemie. In einem solchen Fall sind die Krankheitsausbrüche zwar räumlich begrenzt, treten aber fortlaufend auf, wie zum Beispiel Malaria-Infektionen in bestimmten Regionen der Welt.

Das Wort Seuche wird in diesen Zusammenhängen heute nur noch selten verwendet. Der mittelhochdeutsche Ausdruck siuche bezeichnete noch allgemein Krankheiten, seine Bedeutung verengte sich im Laufe der Zeit auf besonders langwierige, dann auf ansteckende Erkrankungen. Etwa ab dem 18. Jahrhundert bezeichnete der Wort Seuche schließlich Massenerkrankungen mit epidemischem Ausmaß. Heute findet der Ausdruck vor allem in der Tiermedizin Anwendung. Da sich die Ausdrücke Epi– und Pandemie durch ihre Wurzel dḗmos auf die menschliche Bevölkerung beziehen, werden Massenerkrankungen unter Tieren auch als Epizootie oder Panzootie bezeichnet. Hier liegt das griechische zōon (dt. ›Tier‹) zugrunde.

Pandemien der jüngeren Vergangenheit sind zum Beispiel die Spanische Grippe zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder die SARS-Pandemie der Jahre 2002 und 2003. Aber das Paradebeispiel für eine weltumspannende Infektionskrankheit ist natürlich die Pest. In Europa markierte die Pest zur Mitte des 14. Jahrhunderts – der sogenannte Schwarze Tod – einen tiefen gesellschaftlichen Einschnitt. Auch die lateinischen Ausdrücke pestilentia und pestis bezeichneten zunächst allgemein ansteckende Krankheiten oder Seuchen, wurden dann auf diese spezielle Erkrankung angewendet und nacheinander ins Deutsche entlehnt. Das lateinische plāga, das sich als Schlag, Schaden oder Wunde übersetzen lässt, bildet die Basis für die englische Bezeichnung für die Pest, plague, und begegnet uns im Deutschen heute als Plage.

Warum man im Zusammenhang mit der Pest im 14. Jahrhundert ausgerechnet vom Schwarzen Tod spricht, ist umstritten. Die Bezeichnung trat jedenfalls erst nach der Pandemie auf. Neben der Annahme, dass sich das Farbadjektiv auf die sich schwarz färbenden Pestbeulen bezieht, zielt eine weitere mögliche Erklärung auf die Farbmetaphorik in vielen westlichen Kulturen ab: Die Farbe Schwarz steht in Verbindung mit dem Traurigen, dem Unheilvollen und dem Negativen und tritt mit dieser Konnotation in zahlreichen Redewendungen auf. Eine kleine Auswahl haben wir auf unserer Website schon einmal genauer unter die Lupe genommen: Farbreihe der Redewendungen: Schwarz, weiß, grau.

Zum Abschluss dieser unerfreulichen Etymologien darf natürlich der Ausdruck Virus nicht fehlen: Das Wort ist aus dem Lateinischen entlehnt, lat. vīrus bezeichnete zähe Flüssigkeiten, Schleim, Gift oder Gestank. Bevor das Wort Virus mit seiner heutigen, spezifisch medizinischen Bedeutung auftrat, bezeichnete es allgemein Krankheitserreger, das Adjektiv virulent lässt sich dementsprechend als krankheitserregend oder ansteckend übersetzen. Im übertragenen Sinne können so auch Ideen oder die Begeisterung für etwas virulent sein; in den globalen sozialen Netzwerken »gehen Beiträge viral«, was bedeutet, dass sie sich schnell verbreiten.

In der nächsten Folge unserer sprachlichen Betrachtungen zum Corona-Virus geht es um etwas, das man derzeit tunlichst unterlassen sollte: die berüchtigten Hamsterkäufe. Bis dahin, bleiben Sie gesund!

Zum Weiterlesen:

Teil 1: Das haben Covid-19 und die Sonnenfinsternis gemeinsam
Teil 2: Bindestriche, coronamäßige Wortbildungen und jede Menge Absagen
Teil 3: Sprachliche Zweifelsfälle rund um Covid-19: Der Virus gehört in »Kwarantäne«!
Teil 5: Der Hamster in Zeiten der Krise
Teil 6: Korona … heute einmal (fast) ohne Virus