Bezeichnung Stundenkilometer

[F] Im Zusammenhang mit den Sturmwarnungen benutzten wir das Wort Stundenkilometer. Daraufhin schickte uns ein Hörer einen kritischen Brief, in dem er daran erinnerte, dass ihm in seiner Ausbildung als Kfz-Mechaniker »eingetrichtert« worden sei, es heiße »Kilometer pro Stunde«. Seien Sie uns bitte bei der Aufklärung dieses sprachlichen Problems behilflich: Ist es korrekt und erlaubt, den Ausdruck Stundenkilometer zu benutzen, oder nicht?

[A] Der fachlich geprägte Ausdruck Kilometer pro Stunde/Kilometer je Stunde ist sicherlich korrekt, physikalisch exakt und im fachlichen Kontext auch zu bevorzugen – so heißt es etwa in der Brockhaus-Enzyklopädie (2006, Band 26), Stundenkilometer sei eine »unkorrekte Bez[eichnung] für die Geschwindigkeitseinheit Kilometer je Stunde«. Das entsprechende physikalische Zeichen ist km/h, womit das besondere Verhältnis angegeben wird, das mit Kilometer je Stunde (pro Stunde) seine exakte Entsprechung findet. Der Schrägstrich bei km/h zeigt dieses Verhältnis förmlich an, anders etwa als bei Kilowattstunde (Elektrotechnik, Arbeit und Wärmemenge), Zeichen kWh bzw. kW · h, oder der früher üblichen Bezeichnung Kilopondmeter (Energie und Drehmoment), Zeichen kpm bzw. kp · m. Doch nichts spricht m. E. dagegen, dass in der Allgemein- bzw. Standardsprache, so auch in den für die gesamte Öffentlichkeit bestimmten Medien, eine sprachliche Abwandlung und Vereinfachung vorgenommen wird. So spricht man ja auch – um ein paar ganz anders gelagerte Fälle zu nennen – z. B. vom Bundestag, wenn der Deutsche Bundestag gemeint ist, von Österreich, obwohl es förmlich Republik Österreich heißt, von Berlin statt von der Bundesregierung, von Karlsruhe statt vom Bundesverfassungsgericht … Nebenbei sei das populäre Beispiel Schweine-, Kalbsschnitzel – Jägerschnitzel – Paprikaschnitzel – Kinder-, Seniorenschnitzel erwähnt, das unmissverständlich zeigt, wie unterschiedlich die in einer substantivischen Zusammensetzung vereinigten Wortbestandteile sein können, welch unterschiedliche Bezüge (Bedeutungen) zutage treten können.

Die Wortbildungslehren weisen oft darauf hin; so schreibt z. B. Ludwig Eichinger in Deutsche Wortbildung. Eine Einführung (2000, S. 181): »Bei der substantivischen Komposition ist eine Vielzahl von Relationen zwischen den Bestandteilen erkennbar.« In der grammatischen Fachliteratur sind Dutzende von Typen registriert worden. Die aktuelle Duden-Grammatik (7. Aufl. 2005, § 1095) sagt allgemein zur Frage des Verhältnisses der beiden Wortbestandteile bei zweigliedrigen Komposita: »Das Zweitglied wird durch das Erstglied nach verschiedenen Gesichtspunkten in seinem Bedeutungsumfang eingeschränkt. Art und Vielfalt [!] dieser Einschränkung hängen bei usuellen Komposita ganz wesentlich von der lebenspraktischen [!] Bedeutung des vom Zweitglied bezeichneten Gegenstandes ab. So wird ein zentrales Wort des Grundwortschatzes wie Stadt durch Komposition besonders differenziert, modifiziert […].« Verwiesen wird anschließend auf diese sechs Muster: a) nach der Größe: Groß-, Klein-, Millionenstadt; b) nach der Lage: Grenz-, Küsten-, Mittelmeerstadt, c) nach konstitutiven Bestandteilen: Film-, Industrie-, Messestadt, d) nach der politischen Stellung: Bezirks-, Haupt-, Kreisstadt, e) mit Bezug auf bedeutende Persönlichkeiten: Goethe-, Luther-, Mozartstadt, f) mit Bezug auf die Bedeutung für den Einzelnen: Geburts-, Heimatstadt. Doch damit nicht genug; fügen wir noch diese Kompositionsfälle hinzu (vermutlich finden sich weitere):

Geisterstadt (bildhafter Vergleich – hier wäre doch wohl auch das Beispiel Weltstadt einzureihen, das die Duden-Grammatik unter a) subsumiert hat), Domstadt (Variante für Köln), Gartenstadt (bestimmtes Merkmal, Stadtteil mit viel Grün), Zeltstadt (keine Stadt im eigentlichen Sinn), Partner-, Schlafstadt (nach bestimmten Eigenschaften; diese Beispiele könnten womöglich c) angegliedert werden).

Die entsprechende Passage aus Band 9 des Großen Dudens, Richtiges und gutes Deutsch. Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle (2007, S. 857) sei auszugsweise zitiert: »Stundengeschwindigkeit, Stundenkilometer: Gegenüber beiden Komposita ist häufig der Vorbehalt geäußert worden, dass sie unsinnige und unlogische Bildungen seien. Die Sprache ist aber nicht immer ›logisch‹ in einem bestimmten, von irgendjemandem geforderten Sinn. Als Verständigungsmittel ist sie allem Prägnanten, Treffenden und Knappen gegenüber geöffnet. Daher spielt auch die Sprachökonomie eine große Rolle in der Syntax und in der Wortbildung. In einem Kompositum kann durchaus eine ähnliche Bedeutung stecken wie in einem ganzen Satz oder einer längeren syntaktischen Konstruktion. Deshalb ist es ein Irrtum, zu glauben, dass Komposita alle auf die gleiche Weise gebildet seien oder dass sie alle auf genau eine Weise auflösbar sein müssten (vgl. Gottesliebe, Bücherstütze, Türschloss, Bilderrahmen, Kartoffelsuppe, Fußboden, Berlin-Krise, Wintergarten, Sekundenschnelle, Meterpreis, Ladenpreis […]). Auch Stundengeschwindigkeit und Stundenkilometer können nicht einfach in Geschwindigkeit einer Stunde und Kilometer einer Stunde aufgelöst werden. Ihre tatsächliche Bedeutung bleibt davon aber unberührt. Stundengeschwindigkeit bedeutet ›Durchschnittsgeschwindigkeit in einer Stunde‹, Stundenkilometer bedeutet ›Anzahl der Kilometer, die in einer Stunde bei gleich bleibender Geschwindigkeit zurückgelegt werden können‹ […].«

Hiermit wird die vorliegende sprachliche Problematik m. E. richtig dargestellt. Es ist nicht nur »erlaubt«, die Zusammensetzung Stundenkilometer zu wählen, sondern durchaus richtig und angemessen. Pedanterie, die annimmt, ein bestimmter Sachverhalt müsse sich in einem und nur einem bzw. einem fixierten sprachlichen Ausdruck niederschlagen, führt, von streng terminologischer Definitionsarbeit abgesehen, zu nichts.

Ergänzend schließlich noch ein Blick auf andere Zusammensetzungen mit Kilometer-; ganz unterschiedliche Beziehungsverhältnisse sind zu erkennen, ohne dass im Sprachalltag Verständnishürden aufträten (Erläuterungen z. T. nach der Brockhaus-Enzyklopädie, 17. Auflage, und dem Großen Wörterbuch der deutschen Sprache, 1999): Stromkilometer (nach der Lage), Quadrat- und Kubikkilometer (km² und km³, geometrische Größen), Leerkilometer (von einem Fahrzeug ohne Nutzlast zurückgelegt) bzw. Flugkilometer (von einem Flugzeug zurückgelegte, in km [Kilometer] gemessene Strecke), Tonnenkilometer (Produkt aus beförderter Last und Weg, Zeichen tkm), Personenkilometer (im Verkehrswesen die im Personenverkehr beförderten Personen und die von ihnen zurückgelegten Entfernungen, Zeichen pkm), Wagenkilometer (je Wagen zurückgelegter Weg in Kilometern bei der Eisenbahn), dazu Achskilometer (Produkt aus der Zahl der Achsen und der zurückgelegten Kilometer).

Quasi als Coda und weil Parallelbeispiele vieles aussagen können, seien ein paar Zusammensetzungen mit dem ersten Kompositionsglied Stunde kommentarlos und rein alphabetisch aufgereiht: Abend-, Ampere-, Bürger-, Deutsch-, Extra-, Frei-, Geister-, Gigawatt-, Jugend-, Konfirmanden-, Morgen-, Musik-, Nachhilfe-, Neben-, Polizei-, Sterbe-, Stern-, Tee- oder Viertelstunde …, Plauder- und Schäferstündchen nicht zu vergessen.