23. März 2022

Im Fokus: Geht die deutsche Sprache den Bach runter?

GfdS: »Keine Sorge, es handelt sich hier um Sprachwandel«

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Glaubt man entsprechenden Medienberichten und vor allem den Zusendungen von um die Sprache besorgten Bürgerinnen und Bürgern an die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), so würde unsere Sprache von Fremdwörtern überflutet. Sowohl die Medien als auch die Werbung trügen zur Verhunzung des Deutschen bei. Doch die GfdS kann beruhigen: Die deutsche Sprache wird weder verhunzt noch verfällt sie. Es handelt sich hier um einen natürlichen Prozess, von dem jede Sprache betroffen ist.

Mit Fragestellungen wie »Verfällt das Deutsche zusehends?« oder »Sprechen wir alle irgendwann nur noch unverständliches Denglisch?« beschäftigt sich die Gesellschaft für deutsche Sprache schon seit 75 Jahren tagtäglich. In diesem Monat gehen wir den Gründen und dem Auslöser für den wahrgenommenen Sprachverfall nach und klären die Frage, ob die Besorgnis wirklich begründet ist.

Gründe für einen wahrgenommenen Verfall

Im Jahr 2008 hat die GfdS zusammen mit dem Institut für Demoskopie Allensbach die Umfrage »Wie denken die Deutschen über ihre Muttersprache und über Fremdsprachen?« durchgeführt. Als Hauptgründe für einen wahrgenommenen Sprachverfall wurde Folgendes angegeben:

  • Es wird heute weniger gelesen, dafür mehr ferngesehen als früher
  • Der Einfluss anderer Sprachen auf das Deutsche nimmt zu; es gibt viele englische Ausdrücke in der deutschen Sprache, deutsche Wörter und sprachliche Eigenschaften gehen dadurch verloren
  • Durch zunehmende Nutzung von Medien wie SMS, E-Mails oder soziale Netzwerke wird weniger auf gute Ausdrucksweise geachtet
  • In der Schule oder im Elternhaus sowie in den Medien wird weniger Wert auf gutes Deutsch oder gute Ausdrucksweise gelegt

Den Zusendungen nach zu urteilen, die uns täglich erreichen, hat sich an diesen Gründen nichts geändert – doch heute ergibt sich mindestens ein weiterer Grund für die Besorgnis der Bevölkerung: das Gendern, das in den Augen vieler die Sprache »verhunzt«.

Auslöser

Die beklagten Probleme mögen sich im Laufe der Zeit im Einzelnen verändern, doch der zugrunde liegende Auslöser für die Ängste und Sorgen rund um unsere Sprache ist stets der gleiche: der natürliche Sprachwandel. Sprache entwickelt sich – seit jeher! – stets weiter und verharrt zu keiner Zeit auf einer Entwicklungsstufe. Unsere Sprache ist wie die Gesellschaft externen Einflüssen ausgesetzt, die mehr oder weniger stark auf sie wirken. So passt sich das Deutsche den Gegebenheiten an, greift neue Wörter oder Strukturen auf, lässt Überkommenes und nicht mehr Benötigtes zurück.

Getragen wird diese Entwicklung von der Gesamtheit der Sprecherinnen und Sprecher: Ob die Sprache neue Wörter und Strukturen langfristig beibehält, entscheidet sich dadurch, ob diese von der Sprachgemeinschaft verwendet und verbreitet werden: Was sich etabliert, bleibt, was nicht geschätzt wird, verschwindet wieder. Durch keine Institution, keine Petition lässt sich der Sprachwandel bewusst lenken oder aufhalten.

Ist die Besorgnis begründet?

Geht die deutsche Sprache demnach wirklich den Bach runter? Die GfdS gibt Entwarnung: Nein, die deutsche Sprache steht nicht vor dem Verfall! Sprachentwicklung heißt nicht, dass unsere Sprache dem Untergang geweiht ist. Veränderungen in unserer Sprache hat es seit jeher gegeben, doch weder können die Anglizismen den deutschen Wortschatz vollständig kapern oder kann eine gendergerechte Sprache die Sprache tiefgreifend umstrukturieren, noch können die Medien dafür sorgen, dass in Zukunft kein vernünftiges, ausdrucksstarkes Deutsch mehr gesprochen wird.

Unsere Sprache wird sich auch in Zukunft mehr oder weniger stark wahrnehmbar verändern. Was sich jedoch nicht ändern wird, sind die besorgten Anfragen, die Kritik der »Sprachverhunzung« und die Aufforderungen, dem Sprachverfall Einhalt zu gebieten.

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Die Gesellschaft für deutsche Sprache ist eine politisch unabhängige Vereinigung zur Pflege und Erforschung der deutschen Sprache. Gegründet wurde sie 1947 in Lüneburg, heute hat sie ihren Sitz in Wiesbaden und Berlin. Unter anderem wählt sie jedes Jahr das Wort des Jahres und gibt die beliebtesten Vornamen des Jahres bekannt. Um ihre Aufgaben wahrnehmen und ihre Ziele erreichen zu können, wird sie von der Bundesregierung (Beauftragte für Kultur und Medien) und von den Regierungen der Bundesländer (Kultusministerkonferenz) gefördert.

Für weitere Auskünfte können Sie sich gern per E-Mail an ewels@gfds.de oder telefonisch unter 0611 99955-0 an uns wenden.

Zum Weiterlesen

Die Themen, die den Menschen Sorgen um den Fortbestand unserer Sprache bereiten, gehören zu unserer täglichen Arbeit, und wir teilen hierzu regelmäßig Informationen. Im Folgenden haben wir einen Überblick über das Material zusammengestellt, das Sie bereits bei uns finden.

Anglizismen und Fremdwörter

Mit Kritik am übermäßigen Gebrauch von Fremdwörtern in der deutschen Sprache ist die GfdS vertraut. Auf Aussagen oder Anfragen wie »Das Deutsche wird mit englischen Begriffen überschwemmt« oder »Können Sie als Gesellschaft für deutsche Sprache nicht etwas gegen die Verhunzung der deutschen Sprache tun?« reagiert die GfdS mit aufklärenden Beiträgen und versucht somit einige der am häufigsten gestellten Fragen zu Anglizismen und Fremdwörtern zu beantworten.

Jugendsprache

Den Vorwurf, die Jugend verhunze unsere Sprache, darf sich wohl jede Generation aufs Neue anhören. Dabei wollen die Jugendlichen die Standardsprache gar nicht verändern, sie wollen mit ihrer Sprache unter sich bleiben. Vielfach mutet die Jugendsprache daher fast als eine Art »Geheimsprache« an, denn kaum ein Erwachsener wird in der Lage sein, alle in der aktuellen Jugendsprache genutzten Wörter zweifelsfrei mit Bedeutung zu versehen. Und doch finden Ausdrücke der Jugendsprache immer wieder Eingang in die Alltagssprache – eine spannende Beziehung, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Die GfdS versucht, einige Rätsel rund um die Jugendsprache zu entschlüsseln, zumindest aber Aufklärungsarbeit zu leisten, was es wirklich mit ihr auf sich hat.

Wollen Sie Ihre eigenen Kenntnisse über jugendsprachliche Ausdrücke einmal auf die Probe stellen? Dann versuchen Sie sich an unserem Jugendsprache-Quiz.

Gendern

Das Thema der sprachlichen Gleichbehandlung der Geschlechter ist seit einigen Jahren ein viel diskutiertes Thema, das zwar schon seit einigen Jahrzehnten in unserer Gesellschaft schwelt, inzwischen aber zu einem regelrechten Brand ausgewachsen ist.

Die GfdS hat die geschlechtergerechte Sprache vor einigen Jahren zu einem ihrer Schwerpunktthemen erklärt und informiert auf ihrer Webseite ausführlich darüber.

(Neue) Medien und Sprache

Zur Sprache in den Medien, in der Werbung und in den sozialen Netzwerken forscht unser Kooperationspartner mediensprache.net intensiv. Informationen rund um dieses Thema finden Sie dort.

Artikel in unseren Zeitschriften

Auch in unseren Zeitschriften Muttersprache und Der Sprachdienst haben wir uns schon mit dem Thema Sprachwandel, seinen Auslösern und Auswirkungen auseinandergesetzt. Folgende Beiträge können Sie bei uns bestellen:

Muttersprache:

  • 1/2020: Themenheft »Sprache und Geschlecht«
  • 1/2018: Themenheft Sprachkultur im 21. Jahrhundert
  • 1/2018: Sabine Krome: Skypen, faken, toppen und liken. Anglizismen im Deutschen als Indikatoren gesellschaftlichen und orthografischen Wandels
  • 3/2017: Thorsten Roelcke: Sprachwandel in Zeiten der Niedrigschwelligkeit: Geht uns die Bildungssprache verloren?
  • 1/2009: Hinrichs, Uwe: Sprachwandel oder Sprachverfall? Zur aktuellen Forschungssituation im Deutschen
  • 2/2009: Themenheft English only? Was wird aus Deutsch und den anderen europäischen Sprachen? Teil 1
  • 3/2009: Themenheft English only? Was wird aus Deutsch und den anderen europäischen Sprachen? Teil 2
  • 2/2007: Themenheft Deutsche und europäische Sprachenpolitik
  • 2-3/1990: Hoberg, Rudolf: Sprachverfall? Wie steht es mit den sprachlichen Fähigkeiten der Deutschen?

Der Sprachdienst:

  • 6/2021: Helga Kotthoff: Gendern auf Teufel*in komm raus? Nachdenken über Sprachwandel zwischen bedenklicher Symbolpolitik und berechtigtem Anliegen
  • 1–2/2020: Themenheft »Geschlechtergerechte Sprache«
  • 5/2012: Themenheft Deutsch in Österreich und Deutschland (Symposion)
  • 5/2012: Robert Sedlaczek: Der Einfluss bundesdeutscher Medien auf den Sprachgebrauch in Österreich. Warum manche Wörter Sprachekel auslösen
  • 2/2011: Axel Zimmermann: Die Sprache der Fernseh- und Onlinenachrichten. Medien mit Rückkanal befördern Sprachwandel
  • 6/2010: Themenheft Sprachpflege, Sprachkultur, Sprachpolitik in deutschsprachigen Regionen außerhalb Deutschlands (Symposion)
  • 2/2008: Armin Burkhardt: Anglizismen in der Fußballsprache. Eine historische und kontrastive Betrachtung
  • 3–4/2004: Nina Janich: Wiederholung und Verfremdung. Strategien in Werbung und Werbesprache
  • 2–3/2006: Jürgen Spitzmüller: Eine Frage der Einstellung? Bewertungen des Sprachwandels in Linguistik und Öffentlichkeit
  • 6/2006: Themenheft Deutsch im vielsprachigen Europa (Symposion)
  • 1/1999: Themenheft Englisch in unserer Sprache
  • 3/1987: Dieter Stolte: Die Verantwortung der Medien für die Sprachkultur

Bisherige Fokusthemen

Februar: Im Fokus: Die Sprachberatung der GfdS