25. April 2022

Im Fokus: Wie entwickelt sich unser Wortschatz?

CC-Lizenz

»Am Anfang war das Wort«, heißt es im Johannesevangelium. Was für das Christentum zentral ist, ist auch elementarer Bestandteil unserer Sprache: Wörter und Worte (im Deutschen mit zwei Pluralformen), unser Wortschatz.

Der Wortschatz des Deutschen ist ständig in Bewegung und verändert sich. Die Anzahl der Wörter wächst insgesamt, wenngleich auch Wörter verschwinden. Insgesamt sind im aktuellen Duden (28. Auflage) 148.000 Wörter verzeichnet, im ersten Duden 1880 waren es 27.000. (Weiteres dazu in unserer Podcast-Folge Aus der Dudenredaktion.)

Das können natürlich niemals alle Wörter unserer Sprache sein. Fachwortschatz, Dialektwörter und Eigennamen sind größtenteils nicht verzeichnet; durch Zusammensetzungen und Ableitungen kann der Wortschatz ins beinahe Unermessliche erweitert werden. So kann niemand genau sagen, wie groß der deutsche Wortschatz tatsächlich ist. Schätzungen gehen in die 500.000 oder gar bis zu einer Million.

Woher stammt das Wort wienern? Kommt Urlaub von erlauben? Darf das Wort Indianer noch gesagt werden oder ist es tabu? Gibt es eine Pluralform von Bedarf, etwa Bedarfe? Heißt es bei der Zusammensetzung Einkommensteuer oder Einkommenssteuer? Erlebt das eher veraltete Wort derweil eine Renaissance? Muss ich jetzt Zuschauer*innen schreiben? Mit derlei Fragen beschäftigt sich die Gesellschaft für deutsche Sprache tagtäglich in der Sprachberatung – und das schon seit 75 Jahren.

In diesem Monat legen wir unseren Fokus auf verschiedene Aspekte der Wortschatzentwicklung und ausgewählte Wortschatzbereiche und stellen Ihnen damit verbundene Themen genauer vor.

Neologismen – neue Wörter und neue Bedeutungen  

Lange bevor ein Wort in ein Wörterbuch aufgenommen wird, muss es in der Sprachgemeinschaft existieren. Neologismen sind einer der Gründe, warum sich unser Wortschatz ständig vergrößert und unsere Wörterbücher immer dicker werden. Bei einem Neologismus handelt es sich entweder um eine sprachliche Neubildung (z. B. Frischekick, unkaputtbar, Datenautobahn usw.) oder um eine Neuprägung (auch Neubedeutung) eines Wortes. Von einer Neuprägung spricht man, wenn zu einem Wort, das bereits mit einer anderen Bedeutung belegt ist, eine neue Bedeutung hinzukommt (z. B. Troll – zum einen ein Fabelwesen, zum anderen ein Internetnutzer, der andere durch sein Verhalten ärgert).

Die GfdS beobachtet und sammelt seit Jahrzehnten neue Wörter aus Presse, Rundfunk und Fernsehen (siehe Aktion Wort des Jahres). Zu den Themen, die unseren Alltag maßgeblich prägen und damit auch unsere Sprache, hält die GfdS ihre Beobachtungen auf Grundlage wissenschaftlicher Forschung fest und teilt sie mit der Gesellschaft, z. B. in Form von zahlreichen Beiträgen auf ihrer Internetseite, durch Pressemitteilungen und andere Veröffentlichungen, über ihren Podcast, bei Tagungen und Veranstaltungen, durch (Online-)Vorträge etc.

Zum Weiterlesen

Lesen Sie hier mehr zu neuem Wortschatz und kreativen Wortneuschöpfungen:

Artikel in unseren Zeitschriften (Auswahl):

Hilke Elsen und Aline Kodantke: Neologismen aus lexikografischer und lexikologischer Sicht – eine empirische Untersuchung. In: Muttersprache 1/2022.
Faulhaber, Manja/Elsen, Hilke: Neologismen in der Kosmetikwerbung. In: Muttersprache 3/2016.
Doris Steffens: Von »Aquajogging« bis »Zickenalarm«. Neuer Wortschatz im Deutschen seit den 90er Jahren im Spiegel des ersten größeren Neologismenwörterbuches. In: Der Sprachdienst 2/2007.
Elsen, Hilke: Neologismen in der Jugendsprache. In: Muttersprache 2/2002.
Michael Kinne: Endlich: Ein deutsches Neologismenwörterbuch. In: Der Sprachdienst 4/1989.

Klima und Sprache

Wörter wie Klimawandel, Klimakrise oder Erderwärmung sind seit einigen Jahren zunehmend präsenter in unserem Sprachgebrauch. Welche Ausdrücke sind in diesem Kontext treffend und gibt es sowas wie eine klimagerechte Sprache in der Gesellschaft?   

Gerade im Kontext der Klimakrise und -politik sollten präzise Begriffe zur Darstellung verwendet werden. Der Terminus Klimawandel wird beispielsweise häufig als zu schwach, passiv und harmlos bezeichnet. Und warum wird die Erhitzung der Erde mit dem Ausdruck Erderwärmung beschönigt?  

Beispiele für Neologismen in diesem Bereich sind Klimakollaps, Klimaapokalypse, Unverpacktladen, Greenwashing, Erdüberlastungstag, Plakettensünder, Flugscham u. v. m.

Zum Weiterlesen

Hier finden Sie weitere Informationen zum Wortschatz rund um das Klima:

Krieg und Sprache

Sprache spielt in Kriegssituation eine wichtige Rolle. Vor allem ist sie ein wirksames Mittel der Kriegspropaganda, so wird davon z. B. bei politischen Reden oder militärischen Pressekonferenzen mit gezielter Wortwahl ganz bewusst Gebrauch gemacht. Beim Publikum lassen sich dadurch gewisse Stimmungen hervorrufen oder unterdrücken – mit dem Ziel der Manipulation. Ausdruck dessen ist etwa die Verwendung ganz bestimmter Schlagworte und die Vermeidung negativ besetzter Ausdrücke, sofern dies dem Zweck des Vortragenden dient. Es werden Wörter verwendet, die normalerweise in anderen Zusammenhängen gebraucht werden (z. B. Krise, Konflikt). Dies wird auch als »sprachliche Schönfärberei« bezeichnet, in der Sprachwissenschaft spricht man in solchen Fällen von Euphemismen. So wird der Ausdruck Krieg beispielsweise durch das Wort Militäroperation ersetzt und beschönigt damit die Tatsachen. Weitere Euphemismen für den Kriegsbegriff sind bewaffnete Auseinandersetzung, Spezialoperation oder Friedensmission.  

Zum Weiterlesen

Krieg und Gewalt, Politik und Macht haben mitunter ihr ganz eigenes Vokabular. Mehr zu diesem Themenfeld:

Artikel in unseren Zeitschriften (Auswahl)

Johannes Latsch: »Niemand weiß. was gerade passiert.« Krisen und Terror: Sprache der öffentlichen Kommunikation bei Gewalttaten. In: Der Sprachdienst 6/2018.
Alexa Mathias: »Wir sind das Volk!« Zu Wortschatz und Argumentation rechtspopulistischer Gruppierungen in Deutschland. In: Der Sprachdienst 4-5/2018.
Thomas Niehr: Politischer Wortschatz im Spiegel der Zeit. In: Muttersprache 1/2018.
Horst Dieter Schlosser: Der Erste Weltkrieg im Spiegel der Sprache. In: Der Sprachdienst 2/2014.
Joachim S. Reise: Reden über den Krieg – reden im Krieg. Eine linguistische Annäherung an den Ersten Weltkrieg. In: Muttersprache 2/2000.

Archaismen – Wörter »verschwinden« aus unserem Wortschatz

Wenn ständig neue Wörter in die Sprache kommen, ist es ein ebenso natürlicher Prozess, dass Wörter nur noch selten gewählt werden oder gar nicht mehr gebraucht werden. Gründe dafür liegen darin, dass

  • die bezeichneten Gegenstände, Ereignisse u. Ä. überholt und nicht mehr existent sind und es somit keinen Benennungsgrund mehr gibt (Historismen): Bauernkrieg, Frondienst, Volkskammer. Sie werden dann nur noch zu geschichtlichen Schilderungen oder in übertragener Bedeutung genutzt;
  • Wörter durch moderne ersetzt werden und so aus der Mode kommen: Flugmaschine/Luftschiff (heute: Flugzeug), nonen (heute: Mittagsruhe halten, Mittagsschlaf machen);
  • ein deutsches Wort durch ein anderes (fremdes) ersetzt wird: Techtelmechtel durch Flirt, Überwupper durch Pullover;
  • Wörter als politisch nicht (mehr) korrekt eingestuft werden (mehr dazu im nächsten Punkt).

Mit einem Wörterbuch der »ausgestorbenen« Wörter tun sich die Fachleute übrigens schwer, weil nie vorherzusehen ist, ob und wann ein Wort mit welcher Bedeutung wieder in Gebrauch kommt.

Zum Weiterlesen

Folgende Artikel in unseren Zeitschriften behandeln das Thema der Archaismen und eines sich wandelnden Wortschatzes:

Winfried Ulrich: Semantische Archaismen und Bedeutungswandel oder »diachrone Polysemie«? In: Der Sprachdienst 1-2/2021.
Christiane Kiese-Himmel: Sprachlicher Wandel in der Arbeitswelt: Berufsbezeichnungen aus linguistischer Perspektive. In: Der Sprachdienst 1-2/2021.

Sensibler und angemessener Umgang mit Wörtern

Die kommunikative Wirkung von Wörtern entfaltet sich erst in einer Wortgruppe, im Satz, im Text oder im Diskurs: Nur so kann festgestellt und empfohlen werden, ob ein Wort seine »richtige«, also angemessene Verwendung findet. In der Sprachberatung der GfdS erstrecken sich diese Betrachtungen auf folgende Gebiete:

  • Die GfdS setzt sich in verschiedenen Formen (z. B. durch Veranstaltungen, Vorträge, Seminare und ihre Sprachberatung) für antirassistische Sprache ein. Hören Sie dazu die Podcast-Folge Sprache und Gewalt.
  • Political Correctness bedeutet, dass alle Handlungen und Ausdrucksweisen abgelehnt werden, die Personen und Personengruppen diskriminieren. Dies kann sich auf ihre Rasse, ihr Geschlecht, ihre sexuelle/emotionale Veranlagung und Identität, ihre Religion, ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, ihre körperliche oder geistige Behinderung beziehen.

Ein weiteres aktuelles Problem des Wortschatzes und seiner Verwendung stellt das Gendern bzw. die geschlechtergerechte Sprachverwendung dar. Die GfdS unterstützt die Bemühungen um eine sprachliche Gleichbehandlung, gleichwohl empfiehlt sie, auch vor dem Hintergrund umfangreicher Erfahrungen aus Seminaren sowie aus der Sprachberatung und durch Textkorrekturen, jene Methoden/Formen zu wählen, die den gültigen grammatikalischen und orthografischen Regeln entsprechen. Die Texte sollten:

  1. verständlich sein
  2. lesbar sein
  3. vorlesbar sein
  4. grammatisch korrekt sein
  5. Eindeutigkeit und Rechtssicherheit gewährleisten

Bei der Auswahl ist entscheidend, an welche Zielgruppe ein Text gerichtet ist und um welche Textsorte es sich handelt, denn je nach Kontext erhält die geschlechtergerechte Formulierung eine unterschiedliche Relevanz.  

In diesem Sinne hat die GfdS Leitlinien für eine geschlechtergerechte Sprache entwickelt, in denen die einzelnen Formen nach ihren Vor- und Nachteilen bewertet werden, etwa Mitarbeiter vs. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vs. Mitarbeitende vs. Mitarbeiter(innen) vs. Mitarbeiter/-innen vs. Mitarbeiter*in vs. Mitarbeiter:in usw.

Zum Weiterlesen

Folgende Artikel in unseren Zeitschriften sind zu den Themen Tabu und Political Correctness erschienen:

Rudolf Hoberg: Der Neger, das Fräulein und der Schwule. Über Tabuisierungen und Enttabuisierungen in der deutschen Gegenwartssprache. In: Der Sprachdienst 5-6/2019.
Der Sprachdienst 4-5/2015, Themenheft Tabu:
Rudolf Hoberg: Über Tabus sprechen
Albrecht Greule: Anmerkungen zu Tabu in der religiösen Kommunikation
Wolfgang Müller: Was bedeutet Tabu und was kann tabu sein?
Robert Sedlaczek und Christoph Winder: Das Unanständige und seine Wörter. Ein kleiner Streifzug durch einen tabuisierten Forschungsbereich der Sprachwissenschaft
Wengeler, Martin: »1968«, öffentliche Sprachsensibilität und Political Correctness Sprachgeschichtliche und sprachkritische Anmerkungen. In: Muttersprache 1/2002.
Hermann Ströbel: Sprache und Political Correctness. In: Der Sprachdienst 4-5/1997.

Fazit

Getragen wird die Entwicklung unseres Wortschatzes von der Gesamtheit der Sprecherinnen und Sprecher. Ob die Sprache neue Wörter langfristig beibehält, entscheidet sich dadurch, ob diese von der Sprachgemeinschaft verwendet und verbreitet werden: Was sich etabliert, bleibt, was nicht geschätzt wird, verschwindet wieder. So befindet sich unser Wortschatz in einem stetigen Wandel.

Aktionen und Beiträge der GfdS

Worte und Wörter als Phänomene der Sprache sowie deren Verwendung gehören zu unserer täglichen Arbeit und wir informieren regelmäßig darüber. Im Folgenden haben wir zusätzlich zu den oben bereits verlinkten Beiträgen einen Überblick über das Material zusammengestellt, das wir auf unserer Internetseite zur Verfügung stellen. Getreu dem Motto: Unser Wortschatz ist – wie der Name schon sagt – ein Schatz.

Wort des Jahres

Mit dieser Aktion kürt die GfdS seit 1977 regelmäßig Wörter und Wendungen, die das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben eines Jahres sprachlich in besonderer Weise bestimmt haben. Aus einer Sammlung von hunderten Belegen aus verschiedenen Medien und Einsendungen von Außenstehenden wählt die Jury, welche sich aus dem Hauptvorstand der GfdS und wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der GfdS zusammensetzt, kurz vor Jahresende meist zehn Wörter (des Jahres), die die öffentliche Diskussion dominiert und ein Jahr wesentlich geprägt haben. Für die Auswahl ist nicht die Häufigkeit eines Wortes entscheidend, sondern vielmehr die gesellschaftspolitische Signifikanz und Popularität. Das Wort des Jahres spiegelt einzelne politische, gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse wider. Eine Wertung ist damit allerdings nicht verbunden.

Zeit-Wörter

Insbesondere bei der Suche nach einem neuen »Wort des Jahres« begegnen der GfdS immer wieder Wörter, die sie aufmerken lassen – sei es, weil sie mit einem Mal vermehrt vorkommen, weil sie eine neue Bedeutung entwickelt haben oder weil sie nach langer Zeit wieder einmal in Erscheinung treten. Die Beobachtungen zu diesen Wörtern und ihren Wortfeldern werden im Sprachdienst und unter der Rubrik Zeit-Wörter festgehalten.  

Sprachraum »Wortschatz«

Sprache verändert sich ständig und am deutlichsten spüren wir das an unserem Wortschatz: Neue Wörter kommen hinzu, alte gehen, Wörter werden aus anderen Sprachen übernommen oder neu erfunden. All das sind natürlich ablaufende Prozesse des Sprachwandels. In dieser Rubrik betrachten wir die wichtigsten Phänomene der Wort(neu)bildung und -entstehung.

An diesem Tag

Tag der Logopädie, Tag der Komplimente, Tag der Handschrift – an vielen Tagen des Jahres gibt es etwas zu feiern oder etwas, woran erinnert, dessen gedacht oder auf das aufmerksam gemacht werden soll. Auch sprachlich gibt es einiges zu entdecken, daher berichtet die GfdS in der Rubrik An diesem Tag über tagesaktuelle Themen oder besondere (Welt-)Tage. 

Weitere Fokusthemen

Februar: Die Sprachberatung der GfdS
März: Geht die deutsche Sprache den Bach runter?
Mai: Namen
Juni: Leichte Sprache und Einfache Sprache
Juli: Verständliche Rechts- und Verwaltungssprache
August: Angebote für Sprachinteressierte